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Im «Haus Müller» im westfälischen Günne ist Haustier-Haltung ausdrücklich erwünscht

Günne (ddp-nrw). Ernst Stratmann hält ein rohes Ei so fest wie möglich in seiner Hand, während drei neugierige Nasenbärweibchen um ihn herumturnen und versuchen, ihm den Leckerbissen abspenstig zu machen. Mit seiner langen, bewegliche Nase stupst eines der Tiere dem 75-Jährigen die Mütze vom Kopf, vorsichtig ist eine Nasenbärin auf seine Schulter geklettert. «Sie werden immer zutraulicher», sagt Bewohner des Seniorenheims «Haus Müller» am Möhnesee.

Seit ihrer Ankunft vor einem Jahr werden die Nasenbärengeschwister von Stratmann betreut. Neben den drei südamerikanischen Exoten leben noch etwa 170 Sittiche, Papageien und Kakadus sowie sieben Kapuzineraffen in der Wohnanlage. Das Senioren- und Pflegeheim in Günne (Kreis Soest) ist außerdem eine der wenigen Einrichtungen, deren Bewohner auch Hunde, Katzen oder Pferde dort halten können, auch wenn sie die Tiere aus eigener Kraft nicht mehr versorgen können.

Doch schon die bloße Anwesenheit der Tiere soll einen therapeutischen Effekt haben, den Bewohnern ihren Alltag erlebnisreicher gestalten. Der Umgang mit Tieren habe nachgewiesenermaßen positive Auswirkungen auf die Psyche und das Wohlbefinden von Menschen, erläutert Heimmitarbeiterin Meike Oeding. «Wer einem Tier etwas gibt, bekommt sehr viel zurück. Deswegen werden die Tiere hier auch ´Co-Therapeuten´ genannt», sagt die Sozialarbeiterin.

Schon in zweiter Generation gibt es das Konzept im «Haus Müller», das vor 35 Jahren vom Bauernhof zum Altersheim umfunktioniert wurde. Zunächst mit traditionellen Nutztieren wie Gänsen, Enten und Schafen. Inzwischen ist der Tierbestand in Ställen und Außengehegen zunehmend exotischer geworden.

Jeden morgen macht Ernst Stratmann seine Runde durch die Ställe, mistet aus, füttert und sieht nach seiner Kaninchenzucht. Seitdem der ehemalige Bauer seinen Hof aufgeben musste und in das »Haus Müller« zog, hat er zusammen mit weiteren Heimmitbewohnern die Versorgung des stetig wachsenden Tierbestandes übernommen.

Auch Senioren, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, genießen die Anwesenheit der Tiere. Viele würden selbst dann ihren täglichen Gang durch den Garten unternehmen, wenn sie sich physisch nicht gut fühlten, berichtet Oeding. »Viele haben zu einem Tier ein enges Verhältnis aufgebaut und fühlen sich verantwortlich. Denn auch das Tier wartet ja auf seine Bezugsperson, wenn es sich auf eine bestimmte Besucherzeit eingestellt hat«, erklärt die Sozialpädagogin.

Die Arbeit mit den Tieren habe sich bereits ausgezahlt. Dank der Tiere müssten viel weniger Antidepressiva verschrieben werden, hat man im »Haus Müller« festgestellt. Insgesamt seien die Bewohner durch den Umgang mit Tieren aktiver, heißt es.

Wissenschaftler bestätigen diese Erfahrung: »Tierhaltung in Senioren- und Pflegeheimen schafft eine sehr schöne Atmosphäre. Das kann aktivierend und beruhigend wirken, gerade bei Demenzkranken«, sagt Andrea Beetz, Leiterin der Forschungsgruppe Mensch und Tier der Universität Erlangen-Nürnberg. Solche tiergestützten Aktivitäten, wie sie im Fachjargon heißen, etwa durch das Einbinden in die Tierpflege oder durch Tierbesuche, seien deshalb sinnvoll. Therapeutisch etwa mit einem Ergo- oder Psychotherapeuten werde in solchen Einrichtungen jedoch meist nicht im engeren Sinne gearbeitet, stellt sie klar.

Der Verein «Tiere helfen Menschen» e.V. verzeichnet nach eigenen Angaben deutschlandweit über 50 Alters- und Pflegeeinrichtungen, die Tiere zu therapeutischen Zwecken einsetzen. Die tatsächliche Zahl sei aber schwer zu schätzen, sagt Vereinsvorsitzender Graham Ford. Die meisten beschränkten sich auf Tierbesuche. Die Einrichtung am Möhnesee spiele in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle. Und da es aus Hygienegründen allgemein selten erlaubt sei, dass Heimbewohner Tiere wie Hunde und Katzen in einer Einrichtung hielten, sei der Bewerberandrang bei Heimen wie in Günne meist groß, betont Ford. (ddp)

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